#5 - Deep Civilisation

Sechs Wochen sind vergangen seit #4. (Hallo, verehrte neue Leser! Willkommen an Bord.) Ich habe viel interessante Sachen gelesen, fleissig Links zusammengetragen … und es dann doch nicht geschafft, eine neue Ausgabe zusammenzustellen. Aber das ist okay für mich.

Natürlich könnte ich diese Pausen auf DEN JOB schieben, denn DIE ARBEIT nimmt derzeit sehr viel Platz ein in meinem Kopf und Leben ein. Großes steht an in der Firma, wir alle ackern hart! Aber diese “Schuldzuweisung” wäre zu einfach, denn MEIN JOB und MEIN ECHTES LEBEN haben massive Überschneidungen, aus freien Stücken, und das ist in der Tat ziemlich toll. Ich liebe, was ich tue; ich bin stolz darauf, was wir auf die Beine stellen; ich finde es großartig, mein Geld mit etwas zu verdienen und meine Zeit mit etwas zu verbringen, an dessen Sinn ich glaube — mit Leuten, die mir wichtig sind. (Übrigens: wir suchen Verstärkung. #Mehrweg #Müllvermeidung #CoffeeToGo)

Und das ist der Grund, warum sich meine Newsletter-Pausen für mich gar nicht so verwerflich anfühlen. 😉 Und los geht die #5!


1. 🇩🇪 Nach der Europawahl: Fremd im eigenen Land (Krautreporter)

Der Leipziger Krautreporter Josa Mania-Schlegel stellt nach der vergangenen Europawahl ein paar sehr gute Fragen.

Ließ sich 2017 noch als Anti-Merkel-Wahl deuten, bei der auch viele Westdeutsche blau wählten, tun es dieses Mal die Ostdeutschen relativ für sich. Im Westen fiel die Partei fast überall unter 10 Prozent. In Sachsen und Brandenburg und vielen anderen Regionen ist sie heute stärkste Kraft. Görlitz bekommt womöglich einen AfD-Bürgermeister.

In den düsteren Momenten dachte ich, dass dieses Land überhaupt nicht mehr zu versöhnen ist.

Dann fragte ich mich: Wie lange noch, bis der Osten realisiert, dass der Westen die AfD nie in eine Bundesregierung lassen wird? Dass sie zur Opposition verdammt ist? Wie lange, bis dann die erste Debatte aufflammt, dass die Wiedervereinigung vielleicht doch keine so gute Idee gewesen sein könnte? Und bis der erste AfD-Politiker still und leise über das Wort „Unabhängigkeitsreferendum“ stolpert?

Übrigens: Was ich an KR schätze, ist nicht zuletzt auch ihr Anspruch, gesamtdeutschen Journalismus zu machen — und das werbefrei und finanziert durch Mitglieder (wie mich) und eine Genossenschaft.

+ Zum gleichen Thema las ich einen guten Kommentar von Christian Bangel in der ZEIT: “Es ist so viel schiefgelaufen im Nachwendeosten, es gab so viele Ungerechtigkeiten. Aber das ist kein Grund, das war es nie, Rechtsextreme zu wählen und damit das Land von der Außenwelt abzuschotten. Niemand wird von der Geschichte gezwungen, ein Rassist zu sein. Niemand hat das Recht, andere zu misshandeln, weil ihm selbst übel mitgespielt wurde. Und auch sonst nicht.”


2. 👽 Dust

Ein Youtube-Channel, der nichts als Science-Fiction-Kurzfilme enthält, die teils richtig gut sind. Die Länge der Filme liegt meist um die 10 min, und es gibt auch ein paar kurze Mehrteiler. Die Qualität oszilliert zwischen “whoa” und “…okay” — dieser Spread ist bei ungefähr 400 Shorts aber zu erwarten.


3. ⌛️ Why we need to reinvent democracy for the long-term (BBC Future)

In seinem Essay über den gesellschaftlichen Umgang mit der Zukunft argumentiert der Sozialphilosoph Roman Krznaric, dass wir diese so behandeln wie Europa seine Kolonien in den letzten Jahrhunderten: man gewährte ihnen keine Rechte, nur Pflichten, und kein Herrscher verschwendete einen Gedanken an die Auswirkungen der Kolonialisierung vor Ort.

Heute geht die Menschheit mit der Zukunft um, als wäre es nicht die ihre: die Zerstörung von Natur & Biosphäre, die Aufweichung sozialer Strukturen durch den frei galoppierenden Global-Kapitalismus, und das allgegenwärtige “nach uns die Sintflut” (im wahrsten Sinne des Wortes) der politischen Kasten.

The third and deepest cause of political presentism is that representative democracy systematically ignores the interests of future people. The citizens of tomorrow are granted no rights, nor – in the vast majority of countries – are there any bodies to represent their concerns or potential views on decisions today that will undoubtedly affect their lives. […]

The time has come to face an inconvenient reality: that modern democracy – especially in wealthy countries – has enabled us to colonise the future. We treat the future like a distant colonial outpost devoid of people, where we can freely dump ecological degradation, technological risk, nuclear waste and public debt, and that we feel at liberty to plunder as we please. When Britain colonised Australia in the 18th and 19th Century, it drew on the legal doctrine now known as terra nullius – nobody’s land – to justify its conquest and treat the indigenous population as if they didn’t exist or have any claims on the land. Today our attitude is one of tempus nullius. The future is an “empty time”, an unclaimed territory that is similarly devoid of inhabitants. Like the distant realms of empire, it is ours for the taking.

Seit einiger Zeit behandle ich mein eigenes Leben als das von drei Personen: past Carlo (der, der ich früher war), present Carlo (der, der ich heute bin) und future Carlo (der, der ich sein werde, und vor dem ich meine Entscheidungen rechtfertigen muss, weil er mit ihnen zu leben hat). Das erfordert einen ständigen Perspektivenwechsel im Blick auf mein Sein, und motiviert mich alles in allem ziemlich gut. Etwas verschämt muss ich aber zugeben, dass der Gedanke, ob diese Methodik auch für eine ganze Gesellschaft funktionieren könnte, mir selbst noch nie kam. Good job, past Carlo. 🤨

+ Die gesamte Themenseite “Deep Civilisation” von BBC Future ist wirklich gut.


4. 🕹 Retro Tech: Game Boy (MKBHD @ Youtube)

Youtuber Marques Brownlee blickt zusammen mit einer Handvoll Mittdreissiger auf den Original-Gameboy. Knappe 24 min Nostalgie. Mir ging das Herz auf.


5. 🧘🏻‍♂️ The Glorious, Almost-Disconnected Boredom of My Walk in Japan (WIRED)

Autor Craig Mod wanderte 1000 km durch Japan. Er verbot sich selbst dabei Twitter/ Instagram/ Facebook/ etc., kommunizierte aber täglich an die Welt: er verschickte hin und wieder SMS mit Eindrücken, die an eine unbekannte Anzahl von Lesern weitergeleitet wurden (ohne, dass diese die Möglichkeit der direkten Antwort darauf hatten); und er nahm jeden Tag 15 min den Sound seiner Umgebung auf, den er unkommentiert als Podcast veröffentlichte. Er sagte “Hallo” zu jeder Person, die er sah, und kam so oft in Gespräche mit den Einheimischen.

Eine schöne kontemplative Erzählung von einem, der wieder etwas mehr zu sich selbst gefunden hat.


Bonus: Newsletter-Empfehlung ✉️ Exponential View

Azeem Azhar’s wöchentlich erscheinende “Wunderbriefe” (“wonder missives”) sind randvoll mit Nachrichten, Artikeln und Essays, die das Zusammenspiel zwischen Technologie und Gesellschaft zum Thema haben.

Und ich meine randvoll.


Danke fürs Lesen, ich hoffe, es war etwas für Dich dabei. Wenn nicht: vielleicht beim nächsten Mal, aber ich mache keine Versprechungen.  😀

Für Fragen, Kritik oder Anregungen kannst Du mir einfach eine Mail schicken oder mich antröten. Und wenn Dir die Ausgabe gefallen hat, schick sie gern weiter oder erzähle Deinen Leuten davon, es würde mich freuen!

Bis zum nächsten Mal,
– Carlo.